Autor: Dr. Michael Weldi, Geschäftsführer Med-STA GmbH
Eine neue Primärversorgungseinheit geht in Betrieb. Die Räume sind fertig, die IT ist eingerichtet, die Dienstpläne stehen. Am ersten Vormittag klingelt das Telefon durchgehend, im Wartebereich sitzen Patient:innen mit sehr unterschiedlichen Anliegen, parallel müssen Rezepte, Befunde, Akutfälle, Pflegefragen, administrative Abläufe und interne Abstimmungen funktionieren.
In solchen Situationen zeigt sich, ob eine PVE nur formal eröffnet wurde — oder ob sie als Versorgungssystem wirklich vorbereitet ist.
Der Austrian Patient Safety Award 2025 macht diesen Unterschied sichtbar. Ausgezeichnet wurde in der Kategorie Primärversorgung das Projekt „Lean-gestützter Inbetriebnahmeprozess mit HRO-Ansatz für Primärversorgungseinheiten – Sicherheit durch Struktur“ der PVE Diakonissen Mürzzuschlag in Zusammenarbeit mit Med-STA.[1] Der Titel klingt technisch. Die dahinterliegende Botschaft ist konkret: Patient:innensicherheit beginnt nicht erst nach dem Start einer PVE. Sie beginnt in der Art, wie Prozesse, Rollen, Räume, Kommunikation und Notfallwege vor dem ersten Betriebstag entwickelt, getestet und verbessert werden.
Warum die Startphase einer PVE besonders sensibel ist
Primärversorgungseinheiten sind ein zentraler Baustein im österreichischen Gesundheitssystem. Die Zahl der PVE steigt, und der weitere Ausbau ist gesundheitspolitisch ausdrücklich vorgesehen.[2][3] Damit entstehen neue Teams, neue Organisationsformen, neue Schnittstellen und neue Versorgungsprozesse.
Das ist eine große Chance. Gleichzeitig ist die Gründungs- und Inbetriebnahmephase eine Phase erhöhter organisatorischer Verwundbarkeit. Viele Beteiligte arbeiten erstmals in dieser konkreten Zusammensetzung. Zuständigkeiten sind noch nicht selbstverständlich. Wege durch das Haus sind neu. IT-Systeme, Telefonie, Terminlogik, Befundmanagement, Medikationsprozesse und Akutabläufe müssen nicht nur geplant, sondern im Alltag tatsächlich beherrscht werden.
Internationale Patientensicherheitsliteratur beschreibt für die Primärversorgung wiederkehrende Risikofelder: diagnostische Verzögerungen, Medikationsfehler, Kommunikationsprobleme, mangelhafte Übergaben, fehlendes Follow-up von Befunden sowie administrative und organisatorische Fehler.[4] Diese Risiken entstehen selten aus Gleichgültigkeit. Häufig entstehen sie dort, wo ein engagiertes Team unter Zeitdruck mit unklaren Abläufen arbeiten muss.
Der Start einer PVE ist deshalb kein rein administratives Projekt. Er ist ein klinisches Sicherheitsprojekt.
Patient:innensicherheit entsteht nicht durch gute Absicht allein
Teams im Gesundheitswesen wollen sicher arbeiten. Das reicht aber nicht. Sicherheit entsteht nicht automatisch aus Motivation, Erfahrung oder persönlicher Sorgfalt. Sie braucht Strukturen, die gutes Arbeiten wahrscheinlicher machen — und Fehler früher sichtbar werden lassen.
Die WHO betont im Global Patient Safety Action Plan 2021–2030, dass Patientensicherheit als Systemaufgabe verstanden werden muss.[5] Die österreichische Patient:innensicherheitsstrategie 3.0 formuliert das Ziel, lernende, resiliente Organisationen zu fördern.[6] Für eine PVE bedeutet das praktisch: Es genügt nicht, eine Ordinationsstruktur auf mehrere Berufsgruppen und längere Öffnungszeiten zu vergrößern. Eine PVE braucht ein gemeinsames Betriebsmodell.
Dazu gehören klare Rollen in Routine- und Akutsituationen, definierte Kommunikationswege, nachvollziehbare Verantwortlichkeiten für Befunde und Rückrufe, sichere Medikationsprozesse, abgestimmte Notfall- und Eskalationswege, praktikable Übergaben zwischen Berufsgruppen und regelmäßige Lernschleifen nach dem Start.
Viele dieser Punkte wirken banal, solange nichts passiert. Kritisch werden sie, wenn mehrere Dinge gleichzeitig auftreten: ein dringlicher Patient:innenkontakt, ein unvollständiger Befund, eine Rückfrage der Pflege, ein Telefonat mit Angehörigen, ein IT-Problem und ein Teammitglied, das noch nicht weiß, wer jetzt entscheidet.
Was der Austrian Patient Safety Award 2025 sichtbar macht
Der Austrian Patient Safety Award wird von der Plattform Patient:innensicherheit vergeben und zeichnet Projekte aus, die Patient:innensicherheit nachhaltig verbessern sollen.[7] Beim prämierten PVE-Projekt steht nicht ein einzelnes Schulungsformat im Mittelpunkt, sondern die strukturierte Inbetriebnahme einer Versorgungseinheit.
Die offizielle Beschreibung nennt dabei mehrere Elemente: Lean-Methoden, Simulation, interprofessionelle Beteiligung, ein HRO-Ansatz sowie die Verbesserung von Prozessklarheit, Patient:innensicherheit und Mitarbeiter:innenzufriedenheit.[1]
Wichtig ist: Daraus sollte man keine allgemeine Wirksamkeitsbehauptung ableiten, die über das dokumentierte Projekt hinausgeht. Der Award zeigt kein randomisiertes Studiendesign und ersetzt keine Versorgungsforschung. Er zeigt aber ein plausibles, ausgezeichnetes Praxisbeispiel dafür, wie ein PVE-Start sicherheitsorientiert vorbereitet werden kann.
Darin liegt der Wert für andere Gründungen: Nicht jede PVE muss denselben Weg gehen. Aber jede PVE sollte sich dieselbe Grundfrage stellen — welche Risiken entstehen bei uns durch neue Räume, neue Rollen, neue Schnittstellen und neue Abläufe? Und wie testen wir diese Risiken, bevor sie Patient:innen betreffen?
Lean, HRO und Simulation: Drei Perspektiven auf denselben Start
Die Begriffe Lean, HRO und Simulation werden im Gesundheitswesen manchmal inflationär verwendet. Für eine PVE sind sie dann sinnvoll, wenn sie nicht als Schlagworte, sondern als Werkzeuge verstanden werden.
Lean hilft, Abläufe aus Sicht der Patient:innen und des Teams zu betrachten: Wo entstehen Wartezeiten? Wo fehlen Informationen? Wo werden Wege doppelt gegangen? Wo gibt es unnötige Übergaben oder Medienbrüche? Im Kontext einer PVE geht es dabei nicht um „schneller um jeden Preis“, sondern um klarere, stabilere und sicherere Prozesse.
Wie Lean und Simulation im Krankenhaus systematisch verbunden werden können, beschreibt unser Artikel Lean im Krankenhaus – warum Simulation der fehlende Baustein ist.
HRO steht für High Reliability Organization. Gemeint sind Organisationen, die in komplexen und risikoreichen Umgebungen besonders aufmerksam mit Abweichungen, Unsicherheit und Fehlerhinweisen umgehen. Die direkte Evidenz für HRO-Implementierungen ist je nach Setting unterschiedlich, und der Begriff sollte nicht überverkauft werden. Sinnvoll ist aber der dahinterliegende Sicherheitsgedanke: Teams sollen schwache Signale ernst nehmen, Verantwortung klären, Expertise nutzen und aus Beinahe-Fehlern lernen.[8][9]
Simulation macht geplante Abläufe erlebbar. Sie zeigt, ob ein Prozess nur auf Papier funktioniert oder auch unter realistischen Bedingungen. In-situ-Simulation — also Training in der echten Arbeitsumgebung — wird in der Literatur auch genutzt, um sogenannte latent safety threats sichtbar zu machen: verborgene Systemrisiken, die im Alltag erst unter Belastung auffallen würden.[10][11]
Für eine neue PVE ist dieser Gedanke besonders relevant. Viele Risiken sind vor dem Start nicht offensichtlich. Ein Notfallrucksack kann formal vorhanden sein, aber am falschen Ort stehen. Ein Alarmweg kann definiert sein, aber im Team nicht bekannt sein. Ein Übergabeprozess kann beschrieben sein, aber im Tagesbetrieb zu Informationsverlust führen. Eine Telefontriage kann geplant sein, aber bei hohem Anrufvolumen an Grenzen stoßen.
Fünf praktische Lehren für eine PVE-Inbetriebnahme
1. Prozesse vor dem Start nicht nur beschreiben, sondern durchspielen
Ein Prozesshandbuch ist wichtig. Es ist aber kein Beweis dafür, dass ein Prozess funktioniert. Gründer:innen sollten kritische Kernprozesse vor dem Go-live praktisch testen: Patient:innenaufnahme, Akutkontakt, Labor- und Befundrücklauf, Medikationsänderungen, Hausbesuche, Telefontriage, Übergabe zwischen Berufsgruppen und Eskalation bei Verschlechterung.
Dabei geht es nicht um perfekte Inszenierung. Es geht um die ehrliche Frage: Was passiert wirklich, wenn mehrere Anforderungen gleichzeitig auftreten?
2. Rollen explizit klären — besonders für Ausnahmesituationen
In neuen Teams wird oft zu viel vorausgesetzt. Wer entscheidet bei einem medizinischen Akutfall? Wer ruft die Rettung? Wer begleitet Patient:innen? Wer dokumentiert? Wer informiert Angehörige? Wer übernimmt die restlichen wartenden Patient:innen?
Solche Fragen sollten nicht erst im Ernstfall beantwortet werden. Sie gehören in die Vorbereitung. Interprofessionelle PVE-Teams profitieren davon, wenn Rollen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege klar benannt und gemeinsam trainiert werden.
3. Schnittstellen als Risikozonen behandeln
Patient:innensicherheit in der Primärversorgung hängt stark an Schnittstellen: Übergänge zwischen Ärzt:innen, Pflege, Ordinationsassistenz, Sozialarbeit, Therapie, externen Fachärzt:innen, Spitälern, Rettungsdienst, Laboren und Apotheken.
Die WHO-Unterlagen zur sicheren Primärversorgung betonen unter anderem Human Factors, Ausbildung, Medikation, Diagnostik und Übergänge als relevante Sicherheitsfelder.[12] Für PVE bedeutet das: Schnittstellen brauchen klare Verantwortlichkeiten, Rückmeldewege und Nachverfolgung.
4. Patient:innen und Angehörige als Sicherheitsressource einbinden
Patient:innen sind nicht nur Empfänger:innen von Versorgung. Sie können aktiv zur Sicherheit beitragen, wenn Informationen verständlich, Zuständigkeiten klar und Rückfragen willkommen sind. Die AHRQ beschreibt Patient:innen- und Familienbeteiligung in der Primärversorgung als wichtigen Baustein für sicherere Abläufe, etwa bei Medikation, Kommunikation und Follow-up.[13]
Für eine PVE kann das sehr konkret heißen: klare Informationen zu Erreichbarkeit, Akutwegen, Befundrückmeldung, Medikationslisten und Zuständigkeiten. Je weniger Patient:innen raten müssen, desto geringer ist das Risiko für gefährliche Missverständnisse.
5. Lernen nach dem Start fest einplanen
Ein sicherer PVE-Start endet nicht mit der Eröffnung. Die ersten Wochen zeigen, welche Annahmen realistisch waren und welche nicht. Deshalb braucht es strukturierte Nachbesprechungen, kurze Feedbackschleifen, Verantwortlichkeiten für Verbesserungsmaßnahmen und die Bereitschaft, Abläufe nachzuschärfen.
Die Simulationsliteratur weist darauf hin, dass das Erkennen latenter Sicherheitsrisiken allein nicht genügt. Ob erkannte Risiken dokumentiert, priorisiert, bearbeitet und nachverfolgt werden, macht den Unterschied.[14] Für Gründer:innen heißt das: Wer testet, muss auch umsetzen. Sonst bleibt Simulation ein gutes Erlebnis, aber kein Sicherheitsinstrument.
Was gesundheitspolitisch daraus folgt
Der Ausbau der Primärversorgung in Österreich ist nicht nur eine Frage der Anzahl neuer Einheiten. Es kommt auch darauf an, wie diese Einheiten in Betrieb gehen. Wenn PVE als tragende Säule der Versorgung gedacht sind, dann muss ihre Gründung nicht nur rechtlich, finanziell und baulich unterstützt werden, sondern auch organisatorisch und sicherheitsfachlich.
Die Plattform Primärversorgung bietet mit Gründungshandbuch, PVE-Accelerator und Mentoring bereits wichtige Unterstützungsstrukturen.[15][16][17] Der Patient Safety Award 2025 ergänzt diese Perspektive um einen sicherheitspraktischen Punkt: Zwischen Planung und Regelbetrieb liegt eine kritische Phase, die professionell gestaltet werden sollte.
Gesundheitspolitisch bedeutet das: Qualität entsteht nicht erst durch spätere Kontrolle. Qualität entsteht bereits in der Inbetriebnahme. Förderlogik, Beratung, Mentoring und Qualitätssicherung sollten deshalb auch die Frage berücksichtigen, ob neue Teams ihre Kernprozesse, Kommunikationswege und Notfallabläufe realitätsnah vorbereitet haben.
Was das für Med-STA fachlich bedeutet
Der Bezug zu Med-STA ergibt sich hier nicht aus Werbung, sondern aus dem Thema selbst. Med-STA arbeitet dort, wo Patient:innensicherheit, Prozessentwicklung, Simulation und reale Arbeitsumgebung zusammenkommen. Das Prinzip „Train where you work“ ist für PVE relevant, weil viele Risiken nicht im Seminarraum entstehen, sondern im tatsächlichen Zusammenspiel von Raum, Team, Material, Kommunikation und Zeitdruck.
Das PVE Startup-Paket greift diese Logik auf: Es unterstützt Teams dabei, Abläufe, Rollen, Schnittstellen und kritische Situationen vor und während der Inbetriebnahme strukturiert zu bearbeiten. Ergänzend können SimLean360°, Consulting & Prozessentwicklung, strukturierte Notfalltrainings oder Simulations-Teamtrainings dort sinnvoll sein, wo eine PVE ihre Prozesse testen, Notfallwege trainieren oder bereits gestartete Abläufe weiterentwickeln möchte.
Ein Training allein macht keine Organisation sicher. Es kommt auf die Verbindung aus Vorbereitung, realitätsnahem Testen, Debriefing, Prozessanpassung und konsequenter Umsetzung an. Wie das bei Notfällen in der Ordination aussieht, beschreibt unser Artikel Der Notfall in der Ordination: Warum Vorbereitung wichtiger ist als Routine.
Fazit: Sicher starten ist eine Führungsaufgabe
Eine PVE sicher zu starten bedeutet mehr, als Räume zu eröffnen und Dienstpläne zu füllen. Es bedeutet, ein neues Versorgungssystem so vorzubereiten, dass Patient:innen, Angehörige und Mitarbeiter:innen von Beginn an möglichst klare, stabile und lernfähige Abläufe vorfinden.
Der Austrian Patient Safety Award 2025 zeigt an einem konkreten österreichischen Beispiel, dass die Inbetriebnahme selbst als Patient:innensicherheitsprojekt verstanden werden kann. Für Gründer:innen ist das eine praktische Einladung: Nicht erst reagieren, wenn die ersten Probleme auftreten. Sondern kritische Prozesse vorher sichtbar machen, gemeinsam trainieren und strukturiert verbessern.
Für die Gesundheitspolitik ist es eine ebenso klare Botschaft: Der Ausbau der Primärversorgung braucht nicht nur mehr Standorte. Er braucht sichere Starts.
Quellen
- Plattform Patient:innensicherheit. Austrian Patient Safety Award 2025 – Gewinner:innen / Kategorie Primärversorgung. Projekt: „Lean-gestützter Inbetriebnahmeprozess mit HRO-Ansatz für Primärversorgungseinheiten – Sicherheit durch Struktur“, PVE Diakonissen Mürzzuschlag & Med-STA. plattformpatientensicherheit.at
- Plattform Primärversorgung. PVE Entwicklung in Österreich. primaerversorgung.gv.at
- Plattform Primärversorgung. Planung von PVE. primaerversorgung.gv.at
- Panesar SS, deSilva D, Carson-Stevens A, et al. How safe is primary care? A systematic review. BMJ Quality & Safety. 2016;25:544–553. doi:10.1136/bmjqs-2015-004178
- World Health Organization. Global Patient Safety Action Plan 2021–2030. WHO, 2021. who.int
- Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz. Patient:innensicherheitsstrategie 3.0. sozialministerium.gv.at
- Plattform Patient:innensicherheit. Austrian Patient Safety Award 2025. plattformpatientensicherheit.at
- Agency for Healthcare Research and Quality / Patient Safety Network. High Reliability. psnet.ahrq.gov
- O’Leary D, et al. High reliability organizations in health care: scoping review. PLOS Global Public Health. doi:10.1371/journal.pgph.0006181
- Lounsbury O, et al. The use of healthcare simulation to identify and address latent safety threats: a scoping review. Frontiers in Health Services. 2025;5:1682629. doi:10.3389/frhs.2025.1682629
- The Joint Commission Journal on Quality and Patient Safety. Using In Situ Simulation to Identify Latent Safety Threats Prior to the Opening of a Novel Patient Care Space. 2025. jointcommissionjournal.com
- World Health Organization. Safer Primary Care. who.int
- Agency for Healthcare Research and Quality. Guide to Improving Patient Safety in Primary Care Settings by Engaging Patients and Families. ahrq.gov
- Advances in Simulation. Resolving latent safety threats. 2025. doi:10.1186/s41077-025-00401-y
- Plattform Primärversorgung. Besser starten: Der PVE-Accelerator. primaerversorgung.gv.at
- Plattform Primärversorgung. Besser starten mit dem PVE-Mentoring. primaerversorgung.gv.at
- Plattform Primärversorgung. 10 Schritte zur Gründung einer PVE. primaerversorgung.gv.at