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Notfalltraining in Ordination

Der Notfall in der Ordination: Warum Vorbereitung wichtiger ist als Routine

Autor: Dr. Christian Pizzera, Ärztlicher Direktor Med-STA GmbH

Eine Patientin kollabiert im Wartebereich. Ein Kind bekommt einen Fieberkrampf. Jemand entwickelt nach einer Injektion eine schwere allergische Reaktion. Solche Situationen passieren in Ordinationen nicht oft – aber wenn, dann bleibt keine Zeit zum Nachdenken.

In diesen Momenten zählt nicht nur medizinisches Wissen. Es geht um die Fragen: Wer übernimmt die Führung? Wo steht der Defibrillator? Wer ruft den Rettungsdienst? Wer kümmert sich um die anderen Patient:innen im Wartebereich? Diese Fragen müssen vorher geklärt sein – nicht in der Situation selbst.

Warum Ordinationen besonders verwundbar sind

Ordinationen sind weder Notaufnahmen noch Intensivstationen. Trotzdem können akute Atemnot, anaphylaktische Reaktionen oder Kreislaufstillstände jederzeit auftreten – unabhängig von Fachrichtung oder Tageszeit. Die aktuellen ERC-Leitlinien 2025 widmen medizinischen Notfällen außerhalb des Krankenhauses eigene Kapitel, weil die Rahmenbedingungen dort andere sind (Lott et al., 2025).

Kleine Teams, wenig Notfallroutine, paralleler Ordinationsbetrieb, begrenzte Räumlichkeiten. PatientInnen sitzen im Wartezimmer und das Telefon läutet weiter. Der Notfall unterbricht die Routine nicht nur medizinisch, sondern auch emotional.

Gerade deshalb reicht es nicht, wenn die Ärztin oder der Arzt allein weiß, was zu tun wäre. Das ganze Team muss handlungsfähig sein und wissen, wann welcher Handgriff notwendig ist.

Ausstattung allein schafft keine Sicherheit

Viele Ordinationen haben einen Notfallkoffer, einen Defibrillator und Sauerstoff. Gut so. Aber die entscheidende Frage ist eine andere: Wissen alle im Team, wo das Material steht? Kann jeder den Defi ohne Zögern einschalten? Ist klar, wer ihn im Ernstfall holt – und wer in der Zwischenzeit mit der Reanimation, mit der Herzdruckmassage beginnt?

Kalidindi et al. (2018) haben das in 20 Ordinationen untersucht. Vor einem In-situ-Simulationstraining lag die selbsteingeschätzte Notfallbereitschaft der Teams bei 2,95 von 5 Punkten. Danach bei 4,02 – ein Sprung, der zeigt, wie groß die Lücke zwischen vorhandener Ausstattung und dem Wissen der Bedienung oder Verortung tatsächlich ist.

Jede Ordination sollte sich regelmäßig fragen: Ist alles vollständig und funktionsbereit? Kennt jede Mitarbeiterin den Standort jedes Geräts? Gibt es einen freien Platz für eine Reanimation? Ist der Zugang für den Rettungsdienst geklärt?

Die größten Verbesserungen liegen erfahrungsgemäß nicht im medizinischen Spezialwissen, sondern in einfachen organisatorischen Details.

Was im Ernstfall den Unterschied macht

Stress lässt sich nicht wegtrainieren. Aber man kann lernen, unter Stress besser zu handeln. Dafür braucht es klare, wiederholbare Abläufe.

Ein gut vorbereitetes Team weiß, wer die Situation führt, wer Basismaßnahmen durchführt, wer den Notruf absetzt, wer Material vorbereitet und wer die Übergabe an den Rettungsdienst macht.

Besonders unterschätzt wird die Kommunikation. Fehler in Notfällen entstehen häufig nicht durch fehlendes Fachwissen, sondern durch unklare Anweisungen und fehlende Rückmeldungen. Bhangu et al. (2022) konnten zeigen, dass Kommunikation in Trauma-Teams das am schlechtesten bewertete Kompetenzfeld ist – noch vor Situationsbewusstsein oder Entscheidungsfindung. Gerichtete, geschlossene Kommunikation – sogenannte Closed-Loop Communication – erhöht die Aufgabenerfüllung nachweislich (Härgestam et al., 2022).

Ein konkretes Beispiel: Nicht „Kann bitte jemand den Defi holen?“ – sondern: „Anna, bitte hol jetzt den Defibrillator aus dem Labor und sag mir, wenn du zurück bist.“

Dieser Unterschied klingt klein, ist es aber nicht.

Warum Fortbildung allein nicht reicht

Vorträge und Leitlinien bilden die Grundlage. Aber der Notfall passiert nicht im Seminarraum. Er passiert im eigenen Behandlungszimmer, zwischen Empfang und Medikamentenschrank.

Fragen wie: Passt die Liege für eine Reanimation? Wie lange dauert es, bis der Sauerstoff bereit ist? Was passiert mit den wartenden Patient:innen? können nicht theoretisch im Seminarraum beantwortet werden.

Ein wirksames Training findet deshalb direkt in der Ordination statt – mit dem echten Team, in den echten Räumen, mit der vorhandenen Ausstattung. Es bildet genau jene Bedingungen ab, unter denen das Team im Ernstfall handeln muss.

Die eigentliche Verbesserung passiert danach

Der wichtigste Teil eines solchen Trainings ist oft nicht das Szenario selbst, sondern das Debriefing danach. In dieser strukturierten Nachbesprechung wird sichtbar, was funktioniert hat und wo Unsicherheit bestand.

Levett-Jones & Lapkin (2014) haben in einer systematischen Übersichtsarbeit bestätigt, dass Debriefing ein unverzichtbarer Bestandteil simulationsbasierter Trainings ist – es schlägt die Brücke zwischen Erleben und Lernen. Die INACSL Healthcare Simulation Standards of Best Practice (2021) empfehlen strukturiertes Debriefing als verpflichtenden Bestandteil jedes Simulationstrainings.

Viele Verbesserungen lassen sich sofort umsetzen: ein anderer Standort für den Notfallkoffer, eine klarere Rollenverteilung, eine Checkliste am Empfang, eine definierte Zuständigkeit für Materialkontrollen. So wird aus einem Trainingstag ein echter Beitrag zur Patientensicherheit.

Vorbereitung schafft Handlungssicherheit

Ein gut vorbereitetes Team handelt ruhiger. Nicht weil der Notfall dadurch harmlos wird – sondern weil die nächsten Schritte klar sind.

Für PatientInnen bedeutet das schnellere Hilfe. Für das Team weniger Hilflosigkeit. Und für die Ordinationsleitung mehr Sicherheit in Organisation und Verantwortung.

Notfallvorbereitung muss nicht kompliziert sein. Sie muss aber an die eigenen Räumlichkeiten angepasst und gemeinsam geübt werden. Ein praxisnaher Trainingstag bewirkt oft mehr als eine Notfallmappe, die im Alltag niemand öffnet.

Im Ernstfall gewinnt nicht das Team mit der besten Theorie. Es gewinnt das Team, das seine Abläufe kennt.


Med-STA bietet Notfalltrainings direkt in Ihrer Ordination – individuell angepasst, mit Ihrem Team, in Ihren Räumen. → Mehr über unser Notfalltraining für Ordinationen | → Kontakt aufnehmen


Quellen

  1. Lott C, Karageorgos V, Abelairas-Gomez C, et al. European Resuscitation Council Guidelines 2025: Special Circumstances in Resuscitation. Resuscitation. 2025;215:110753. doi: 10.1016/j.resuscitation.2025.110753
  2. Kalidindi S, Kirk M, Griffith E. In-Situ Simulation Enhances Emergency Preparedness in Pediatric Care Practices. Cureus. 2018;10(10):e3389. doi: 10.7759/cureus.3389
  3. Bhangu A, Notario L, Pinto RL, et al. Closed loop communication in the trauma bay: identifying opportunities for team performance improvement through a video review analysis. Can J Emerg Med. 2022;24:419–425. doi: 10.1007/s43678-022-00295-z
  4. Levett-Jones T, Lapkin S. A systematic review of the effectiveness of simulation debriefing in health professional education. Nurse Education Today. 2014;34(6):e58–e63. doi: 10.1016/j.nedt.2013.09.020
  5. INACSL Standards Committee. Healthcare Simulation Standards of Best Practice: The Debriefing Process. Clinical Simulation in Nursing. 2021;58:27–32. doi: 10.1016/j.ecns.2021.08.011
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