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Simulations-Teamtraining

Warum In-situ-Simulation im klinischen Alltag oft wirksamer ist als das Simulationszentrum

Autor: Dr. Michael Weldi, MSc MBA, Geschäftsführer Med-STA GmbH

Eine Patientin liegt im CT. Während der Untersuchung wird sie unruhig, ringt nach Luft, die Sättigung fällt. Innerhalb weniger Sekunden wird aus Atemnot Zyanose. Das CT-Team ruft Hilfe, das Medical Emergency Team ist alarmiert. Kurz vor dessen Eintreffen verliert die Patientin das Bewusstsein. Jetzt muss dort reanimiert werden, wo niemand gerne reanimiert: zwischen CT-Tisch, Konsole, engen Wegen, unklarem Materialzugang — und einem Team, das plötzlich außerhalb seiner Routine handeln muss.

Das Szenario ist medizinisch nicht ungewöhnlich. Organisatorisch ist es deutlich komplexer, als es im Kursraum wirkt.

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Simulation als Lernmethode und Simulation als Sicherheitsinstrument. Ein Simulationszentrum kann Wissen, Fertigkeiten und Teamkommunikation hervorragend trainieren. In-situ-Simulation geht weiter: Sie bringt das Training dorthin, wo kritische Situationen tatsächlich stattfinden — mit dem Team, das dort arbeitet, der Ausstattung, die dort steht, den Wegen, die dort existieren, und den Störungen, die dort auftreten.[1]

Für Klinikleitungen, ärztliche Direktion, Pflegedirektion, Qualitätsmanagement und Verantwortliche für Patientensicherheit ist die Unterscheidung zwischen den beiden Formaten keine akademische Frage. Die praktische Frage lautet: Wo bewirkt Simulation im Alltag am meisten?

Was In-situ-Simulation bedeutet

In-situ-Simulation heißt: Das Training findet direkt in der realen Arbeitsumgebung statt. Nicht im Simulationszentrum, sondern auf der Station, im Schockraum, im OP, in der Ambulanz, im Kreißsaal, auf der Intensivstation oder in der Ordination.[1]

Das ist mehr als eine räumliche Verlagerung. Die Simulation macht das reale Versorgungssystem sichtbar — mit allem, was dazugehört.

Wer übernimmt Führung? Wo steht welches Material? Funktionieren Rollenverteilung und Übergaben unter Zeitdruck? Sind Alarmierungswege allen Berufsgruppen bekannt? Gibt es Schnittstellen, die im Alltag funktionieren, aber im Notfall brüchig werden?

Im Simulationszentrum lassen sich solche Fragen nur eingeschränkt beantworten. Dort wird ein klinisches Setting nachgebildet. In-situ-Simulation prüft das echte Setting.[2]

Warum Simulationszentren trotzdem ihren Platz haben

Ein fairer Vergleich muss das sagen: Simulationszentren sind für bestimmte Ziele nach wie vor gut geeignet. Standardisierte Ausbildung, wiederholtes Üben technischer Fertigkeiten, geschützte Erstexposition, Arbeit mit komplexen Simulatoren — all das funktioniert im Zentrum oft besser oder zumindest einfacher.[2]

Für Anfänger, für invasive Prozeduren oder für hochstandardisierte Kursformate wie strukturierte Notfalltrainings kann das Simulationszentrum didaktisch sinnvoll und organisatorisch effizienter sein.

Die Frage ist also nicht „Simulationszentrum schlecht, In-situ gut”. Das wäre zu einfach.

Die bessere Frage: Welches Ziel soll erreicht werden? Geht es um Wissensvermittlung und einzelne Skills, kann das Zentrum passen. Geht es darum, echte Teams und reale Prozesse zu verbessern, spricht vieles für In-situ-Simulation.[2]

Das reale System wird Teil des Trainings

Kritische Ereignisse in der Medizin entstehen selten, weil eine einzelne Person etwas nicht weiß. Häufiger wirken mehrere Faktoren zusammen: unklare Zuständigkeiten, Kommunikationsabbrüche, fehlendes Material, räumliche Engstellen, parallele Aufgaben, implizite Annahmen.[3]

Diese Faktoren bleiben unsichtbar, solange man außerhalb des Systems trainiert. In-situ-Simulation macht sie sichtbar.

Ein Team stellt fest, dass der Defibrillator zwar da ist, aber nicht alle wissen, wo. Dass die interne Alarmierung nicht allen Berufsgruppen geläufig ist. Dass ein Medikament verfügbar ist, aber die Dosierungshilfe fehlt. Dass der Übergabepunkt zwischen Station und Intensivteam nicht klar definiert ist. Oder dass ein neues Raumkonzept im Alltag funktioniert, bei einem Notfall aber Engstellen erzeugt.

Das sind keine Trainingsfehler. Das sind Systeminformationen.

In-situ-Simulation trainiert nicht nur Menschen. Sie testet das Zusammenspiel aus Menschen, Umgebung, Material, Prozessen und Organisation.[3]

Latente Sicherheitsrisiken erkennen, bevor sie Schaden anrichten

In der Fachliteratur gibt es dafür den Begriff „latent safety threats” — versteckte Schwachstellen im System, die im Alltag unauffällig bleiben, unter Belastung aber Probleme verursachen können.[3]

Fehlendes oder falsch gelagertes Material. Unklare Verantwortlichkeiten. Nicht standardisierte Alarmierungswege. Technische Barrieren. Uneindeutige Übergabeprozesse.

In-situ-Simulation kann solche Risiken sichtbar machen, bevor sie bei echten Patientinnen und Patienten relevant werden.[3]

Besonders wertvoll ist das bei Umbauten, neuen Bereichen, Prozessänderungen oder neu zusammengestellten Teams. Ein Ablauf kann in der Besprechung logisch klingen. Ob er unter Zeitdruck, mit mehreren Berufsgruppen und im konkreten Raum tatsächlich funktioniert, zeigt sich erst im simulierten Echtbetrieb.[7]

Für Führungskräfte ein wichtiger Perspektivwechsel: In-situ-Simulation ist nicht nur Fortbildung. Sie ist ein Werkzeug der klinischen Organisationsdiagnostik.[7]

Was die Evidenz sagt — und wo sie an Grenzen stößt

Die Studienlage spricht insgesamt für einen Nutzen von In-situ-Simulation, vor allem wenn sie in strukturierte Trainings- und Qualitätsprogramme eingebettet ist. Reviews beschreiben positive Effekte auf kliniknahe Abläufe, Teamleistung und das Erkennen latenter Sicherheitsrisiken.[4]

Gleichzeitig wäre es unseriös zu behaupten, In-situ-Simulation sei in jeder Hinsicht überlegen. Direkte Vergleichsstudien zeigen bei Wissen und beobachteter Teamleistung teils ähnliche Ergebnisse. In einer randomisierten Studie aus der Geburtshilfe und Anästhesiologie führten In-situ- und Off-site-Simulation zu vergleichbaren individuellen und Team-Outcomes. Die In-situ-Gruppe erlebte das Training allerdings als authentischer, und qualitative Daten legen nahe, dass der organisationale Lerneffekt im realen Umfeld stärker sein kann.[5][6]

Die Stärke der In-situ-Simulation liegt also weniger darin, dass Teilnehmende nachher im Wissenstest besser abschneiden. Sie liegt dort, wo Simulation über individuelles Lernen hinausgeht: beim Transfer in die Praxis, beim Aufdecken von Systemschwächen und beim Training realer Teams unter realen Bedingungen.[2]

Teamarbeit entsteht im Arbeitskontext

Notfälle sind Teamsituationen — Reanimationen, Schockraumversorgung, geburtshilfliche Notfälle, Atemwegsprobleme, kritische Verlegungen, perioperative Komplikationen.

In solchen Situationen reicht es nicht, wenn alle fachlich kompetent sind. Es kommt darauf an, ob das Team rasch ein gemeinsames Lagebild entwickelt, Rollen klärt, Prioritäten setzt, Informationen laut und eindeutig teilt, Eskalation rechtzeitig auslöst und nach Standards handelt.[8]

In der Fachsprache heißt das: nichttechnische Fertigkeiten. Kommunikation, Leadership, Situationsbewusstsein, Entscheidungsfindung, Teamkoordination.

Simulations-Teamtraining in situ hat hier einen Vorteil, weil das reale Team im realen Kontext trainiert. Das ist näher an der tatsächlichen Versorgungssituation als eine zusammengewürfelte Gruppe in einem externen Kursraum.[2]

Gerade für eingespielte Teams kann das aufschlussreich sein. Eingespielte Teams haben nicht nur Stärken, sondern auch blinde Flecken. Vieles funktioniert unausgesprochen — bis neue Kolleginnen und Kollegen, seltene Ereignisse oder ungewohnte Störungen dazukommen.

Simulation allein löst kein Problem

In-situ-Simulation ist kein Selbstläufer.

Schlecht vorbereitet kann sie Teams verunsichern, Abläufe stören oder nur oberflächliche Erkenntnisse liefern. Wirksam wird sie erst mit klaren Lern- und Systemzielen, einem guten Prebriefing, psychologischer Sicherheit, definierten Stop-Regeln, einem sauberen Debriefing und einer klaren Trennung zwischen Lernen und Bewerten.[9]

Mindestens genauso wichtig ist, was danach passiert. Wenn eine Simulation ein Sicherheitsrisiko aufdeckt, muss klar sein, wer es aufnimmt, bewertet, priorisiert und bearbeitet. Ohne das entsteht Frustration: Das Team erkennt Probleme, aber die Organisation verändert nichts.[10]

Die Literatur zeigt genau diese Grenze auf. In-situ-Simulation kann latente Sicherheitsrisiken gut sichtbar machen. Ob sie anschließend gelöst werden, hängt von Governance, Führung und Ressourcen ab.[10]

Oder kurz: Simulation findet im Raum statt. Verbesserung findet in der Organisation statt.

Wann In-situ-Simulation besonders sinnvoll ist

Besonders geeignet ist In-situ-Simulation, wenn die reale Arbeitsumgebung einen wesentlichen Einfluss auf die Versorgungsqualität hat.[2] Das betrifft zum Beispiel Schockraum- und Notaufnahmesettings, OP- und Anästhesieteams, Intensivstationen, geburtshilfliche Notfälle, pädiatrische und neonatologische Akutsituationen, ECMO- und Hochrisikoversorgung, Ambulanzen, Tageskliniken, Ordinationen und Primärversorgungseinheiten.
Wie der sichere Start einer PVE konkret aussehen kann, zeigt unser Artikel PVE sicher starten – Lehren aus dem Austrian Patient Safety Award 2025.

Auch bei Schnittstellen zwischen Berufsgruppen oder Abteilungen, bei neuen Räumen, neuen Versorgungskonzepten oder nach größeren Umstrukturierungen kann In-situ-Simulation klären, ob das System unter Belastung hält.
Warum ECMO-Training mehr als technische Skills braucht, beschreibt unser Artikel ECMO-Training: Warum technische Skills allein nicht reichen.

Was Kliniken vor der Einführung klären sollten

Wer In-situ-Simulation strategisch einsetzen will, braucht Antworten auf ein paar Fragen: Welche klinischen Risiken sollen adressiert werden? Geht es um Training, Systemprüfung oder beides? Welche Berufsgruppen müssen dabei sein? Welche Führungsebene muss eingebunden werden, damit erkannte Probleme auch tatsächlich bearbeitet werden? Wie wird dokumentiert? Wer entscheidet über Maßnahmen? Und wann wird überprüft, ob eine Veränderung gewirkt hat?

Das klingt organisatorisch. Genau deshalb ist es wichtig. In-situ-Simulation entfaltet ihren vollen Nutzen nicht als isolierter Trainingstag, sondern als Teil eines laufenden Sicherheits- und Verbesserungsprozesses.[7]

Aufwand und Nutzen

Ein häufiger Einwand: In-situ-Simulation sei organisatorisch schwieriger, weil sie in laufende Abläufe eingreift.

Teilweise stimmt das. In-situ-Simulation braucht Abstimmung, realistische Szenarien, erfahrene Facilitatorinnen und Facilitatoren und ein klares Sicherheitskonzept. Gleichzeitig spart sie an anderer Stelle: Teams müssen nicht an externe Orte reisen, reale Schnittstellen werden direkt einbezogen, erkannte Probleme betreffen unmittelbar den eigenen Arbeitsbereich.[1]

In-situ-Simulation ist nicht immer bequemer. Aber sie ist häufig näher am Problem, das gelöst werden soll. Und Nähe zum Problem ist in der Patientensicherheit viel wert.

Wie oft Teams trainieren sollten und welches Modell die aktuelle Evidenz empfiehlt, beschreibt unser Artikel Wie oft sollte ein Notfallteam trainieren?.

Fazit

In-situ-Simulation ist nicht deshalb wirksam, weil sie spektakulärer wäre. Sie ist wirksam, weil sie die Lücke zwischen Training und Versorgung verkleinert.[2]

Sie zeigt, wie Teams unter realen Bedingungen handeln. Sie macht sichtbar, ob Material, Räume, Alarmierung, Rollen und Kommunikation zusammenpassen. Sie deckt Schwachstellen auf, die in Kursräumen verborgen bleiben.[3]

Das Simulationszentrum bleibt wichtig — für standardisierte Ausbildung, technische Fertigkeiten, geschützte Lernumgebungen. Aber wenn es darum geht, reale Abläufe und konkrete Sicherheitsrisiken zu verbessern, ist In-situ-Simulation häufig der direktere Weg.[2]

Die Frage ist nicht: Simulationszentrum oder In-situ? Die Frage ist: Welches Problem wollen wir lösen — und welches Setting bringt uns diesem Problem am nächsten?

Bezug zu Med-STA

Med-STA setzt Simulation dort ein, wo sie im Alltag wirken soll: direkt in der Arbeitsumgebung von Kliniken, Ordinationen, Primärversorgungseinheiten und Rettungsdiensten. Der Schwerpunkt liegt auf realen Abläufen, Teamarbeit, Human Factors, Debriefing und umsetzbaren Verbesserungen — nicht auf Showeffekten.

Je nach Zielsetzung kann In-situ-Simulation als Training, als Systemcheck oder als Ausgangspunkt für Prozessentwicklung dienen. In Kombination mit Debriefing, SimLean360° oder Consulting kann aus einem Training ein konkreter Verbesserungsprozess werden. Wie Lean und Simulation im Krankenhaus zusammenwirken, beschreibt unser Artikel Lean im Krankenhaus – warum Simulation der fehlende Baustein ist.
Wie das konkret in der Ordination aussieht, zeigt unser Artikel Der Notfall in der Ordination: Warum Vorbereitung wichtiger ist als Routine.

Quellen

  1. Sørensen JL, Østergaard D, LeBlanc V, et al. Design of simulation-based medical education and advantages and disadvantages of in situ simulation versus off-site simulation. BMC Medical Education. 2017;17:20. doi:10.1186/s12909-016-0838-3
  2. Calhoun AW, Cook DA, Genova G, et al. Educational and Patient Care Impacts of In Situ Simulation in Healthcare: A Systematic Review. Simulation in Healthcare. 2024;19(1S):S23–S31. doi:10.1097/SIH.0000000000000773
  3. Fent G, Blythe J, Farooq O, Purva M. In situ simulation as a tool for patient safety: a systematic review identifying how it is used and its effectiveness. BMJ Simulation & Technology Enhanced Learning. 2015;1(3):103–110. doi:10.1136/bmjstel-2015-000065
  4. Goldshtein D, Krensky C, Doshi S, Perelman VS. In situ simulation and its effects on patient outcomes: a systematic review. BMJ Simulation & Technology Enhanced Learning. 2020;6:3–9. doi:10.1136/bmjstel-2018-000387
  5. Sørensen JL, van der Vleuten C, Rosthøj S, et al. Simulation-based multiprofessional obstetric anaesthesia training conducted in situ versus off-site leads to similar individual and team outcomes: a randomised educational trial. BMJ Open. 2015;5:e008344. doi:10.1136/bmjopen-2015-008344
  6. Sørensen JL, Navne LE, Martin HM, et al. Clarifying the learning experiences of healthcare professionals with in situ and off-site simulation-based medical education: a qualitative study. BMJ Open. 2015;5:e008345. doi:10.1136/bmjopen-2015-008345
  7. Diaz-Navarro C, Armstrong R, Charnetski M, et al. Global consensus statement on simulation-based practice in healthcare. Advances in Simulation. 2024;9:19. doi:10.1186/s41077-024-00288-1
  8. Martin A, Cross S, Attoe C. The Use of in situ Simulation in Healthcare Education: Current Perspectives. Advances in Medical Education and Practice. 2020;11:893–903. doi:10.2147/AMEP.S188258
  9. INACSL Standards Committee. Healthcare Simulation Standards of Best Practice. International Nursing Association for Clinical Simulation and Learning. inacsl.org
  10. Lounsbury O, Tomlinson A, Wakeling J, Bowie P, Higham H. The use of healthcare simulation to identify and address latent safety threats: a scoping review. Frontiers in Health Services. 2025;5:1682629. doi:10.3389/frhs.2025.1682629
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